Kinder sind in ihrer frühen Entwicklung darauf angewiesen, die Welt durch die Reaktionen ihrer Bezugspersonen zu verstehen. Ihr Gehirn ist noch nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge rational einzuordnen. Was das bedeutet:
Wenn Mama weint, sucht das Kind die Ursache bei sich. Wenn Papa schweigt, fragt das Kind sich, was es falsch gemacht hat. Dieses „magische Denken" – die Überzeugung, dass alles, was in der Familie geschieht, mit einem selbst zusammenhängt – ist entwicklungspsychologisch völlig normal. Es wird dann zum Problem, wenn Erwachsene dieses Muster nicht korrigieren, sondern es bewusst oder unbewusst verstärken.
Strenge Erziehungsmuster spielen dabei eine zentrale Rolle. Eltern, die hohe Erwartungen stellen, häufig kritisieren oder Liebesentzug als Erziehungsmittel einsetzen, erzeugen in Kindern das tief verankerte Gefühl, nie gut genug zu sein. Sätze wie „Schäm dich!", „Wie konntest du das nur tun?" oder das subtilere „Wenn du das machst, macht Mama sich Sorgen" sind keine harmlosen Erziehungsreflexe. Sie hinterlassen Spuren. Das Kind internalisiert diese Botschaften als Wahrheit über sich selbst und trägt sie oft Jahrzehnte lang mit sich.
Hinzu kommen familiäre Verstrickungen, die systemisch zu betrachten sind. In Familien, in denen ein Elternteil chronisch krank, süchtig oder emotional abwesend war, übernehmen Kinder häufig unbewusst die Rolle des Verantwortlichen. Sie werden zur Stütze, zum Tröster, zum Puffer zwischen streitenden Elternteilen. Diese frühe Übernahme von Verantwortung, die eigentlich nie die ihre war, ist ein Nährboden für lebenslange Schuldgefühle.